Samstag, 27. September 2008

Lehman Brothers

eit Anfang 2007 hatte Einhorn eine konsequente Spekulationsstrategie verfolgt: Er wettete an der Börse gegen Lehman Brothers, überzeugt davon, dass die Investmentbank gegen alle offiziellen Jubelmeldungen hohe Verluste machte und in ihren Bilanzen versteckte. Das, prophezeite Einhorn, würde über kurz oder lang bekannt werden und die Aktie des Unternehmens abstürzen lassen.
Einhorn ging also „short“, wie es in der Brokersprache heißt. Er lieh sich Lehman-Papiere, verkaufte sie, legte das Geld beiseite und kaufte damit zu niedrigeren Kursen wieder ein. Er war nicht der Einzige, der diese Strategie verfolgte, aber einer der wenigen, der sich nicht scheute, sich öffentlich dazu zu bekennen.
Auch wenn er durchaus Bammel vor den Konsequenzen hatte: „Ein richtiger Kollaps von Lehman – das wäre nicht gut“, erklärte Einhorn vergangenen Juni in einem Interview. „Wir würden nichts gewinnen, wenn die Bank zusammenbricht und das ganze Finanzsystem mitnimmt.“
Aber genau so kam es. Die Nachricht der Lehman-Pleite löste eine Lawine von Hiobsbotschaften aus, die der Finanzwelt in der vergangenen Woche kaum eine Minute zum Durchatmen gönnten. Die Bilanz der fünf Tage liest sich verheerend: Von den fünf großen Investmentbanken der Wall Street, dem Herz des Finanzkapitalismus der USA, steht nur noch eine auf sicheren Beinen. Die größte US-amerikanische Versicherung, AIG, wurde vom Staat aufgekauft. Und die nächsten Kandidaten wackeln schon. Kein Wunder, dass die Börsen in aller Welt verrückt spielten. Der österreichische Leitindex ATX war davon nicht ausgenommen: Er fiel binnen einer Woche auf das Niveau des Jahres 2005, ehe er vergangenen Freitag wieder in die Höhe schnalzte (siehe Kasten Seite 52). Auch mehrere österreichische Banken und Versicherungen sind durch Geschäftsbeziehungen mit Lehman direkt vom Crash betroffen. Die seit Mitte des Vorjahrs schwelende Krise hat damit eine neue Dimension bekommen.

Wetten. Doch der Anschein, dass es nur Verlierer gibt, trügt. Der Fall Einhorn ist für diese Krise symptomatisch. Amerikanische Medien berichteten, dass in der vergangenen Woche gezielt Gerüchte über die Pleite weiterer Institute gestreut wurden, um auf fallende Kurse setzen zu können. Der New Yorker Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo kündigte deswegen umfassende Ermittlungen an, die amerikanische und die britische Börsenaufsicht verboten Ende der Woche zunächst befristet bis Anfang Oktober ungedeckte Leerverkäufe, mit denen Spekulanten auf fallende Kurse setzen.
Nicht nur Einhorn hat mit einer hoch angesetzten Wette gewonnen. Man vergisst leicht, dass viele Banken noch bis vor Kurzem aberwitzige Gewinne gemacht und deren Bosse ebenso abenteuerliche Boni einstreifen durften. Der Anteil der Gewinne der Finanzindustrie an der Wirtschaftsleistung der USA hat sich bis 2007 in nur fünf Jahren versechsfacht. Ihr Motor waren die Hypothekarkredite. „Die Banken haben den Leuten das Blaue vom Himmel herunter versprochen: Sie haben den Kunden glaubhaft gemacht, dass sie reich werden durch Nichtstun – einfach indem sie ein Haus kaufen. Und das würde dann einfach mir nichts, dir nichts mehr wert werden“, erklärte Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus jüngst in einem profil-Interview die Logik der Immobilienblase. Durch die Spekulation wurden die Häuser tatsächlich mehr wert – aber nur solange die Illusion aufrechterhalten werden konnte. Die Investoren, die rechtzeitig aussteigen konnten, haben sich eine goldene Nase verdient. Die einfachen Häuselbauer jedoch sitzen jetzt auf entwerteten Objekten, können ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen – und wer auch immer diese faulen Kredite in den Büchern stehen hat, steckt jetzt in der Klemme. Weil die Kredite als verschachtelte Pakete mehrmals weiterverkauft wurden, sind jetzt die Risiken über die ganze Welt verteilt (siehe Schaubild links). „Jetzt ist die Party vorbei, die Partygäste sind verkatert, manche müssen sogar auf die Intensivstation“, doziert der renommierte deutsche Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger.
Die Intensivbehandlung sieht jedoch für jeden Patienten anders aus. Während die amerikanische Regierung der größten Versicherung des Landes, AIG, 85 Milliarden Dollar zuschoss und sich gleichzeitig 80 Prozent am Konzern sicherte, ließ sie bei der Investmentbank Lehman schnell durchblicken, dass es keinen politischen Willen zur Rettung gab. Stattdessen sollte das Schicksal der 158 Jahre alten Traditionsbank in einer eilig anberaumten Krisensitzung mit 30 geladenen Bankchefs geklärt werden. Die Bush-Administration hatte gehofft, dass die Mitbewerber schon aus schierem Eigeninteresse eine Lösung finden würden, weil sie alle durch Milliardengeschäfte mit der Investmentbank verbunden sind. Doch der Versuch scheiterte. Nur ein Teil des Geschäfts wird im Lauf der Woche von der britischen Bank Barclays übernommen.

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