Als die Studie als eine der ersten systematischen Untersuchungen über
Mikrokredite 2010 erschien, löste sie große Enttäuschung aus. Doch
Esther Duflo rückte das Ergebnis zurecht: Immerhin habe eine kleine
Gruppe von Frauen ihren Umgang mit Geld den neuen Prioritäten angepasst.
"Das Hauptziel scheint doch erreicht. Es war kein Wunder, aber es
funktionierte", schrieb sie. Nur hatten sich die Verfechter der
Mikrokredite eben mehr erwartet, den Rundumschlag gegen Folgen
der Armut.
Welche Probleme Arme mit der Vorsorge für die Zukunft haben,
zeigt sich auch an einem Projekt, das Duflo in Kenia gemacht hat. Sie
und ihre Kollegen fragten sich, warum dort nur ein knappes Viertel der
Bauern Dünger kaufte und einsetzte, obwohl dieser die Ernteerträge
steigert und weit mehr einbringt, als er kostet. Eine randomisierte
Studie zeigte dann, dass die Farmer ihn sich nicht mehr leisten konnten,
wenn die Aussaat bereits erfolgt war. Dann hatten sie den Ertrag der
vorigen Ernte weitgehend ausgegeben. Nur mit einer 50-prozentigen
Subvention ließ sich der Anteil der düngenden Bauern jetzt noch
signifikant steigern. Einen größeren Effekt brachte aber das Angebot,
direkt nach der Ernte einen Gutschein für Dünger zu kaufen, der später
eingelöst werden sollte - obwohl die Bauern in diesem Fall den vollen
Preis bezahlen mussten. Schon ein kleiner Anschub zum richtigen
Zeitpunkt, schloss Duflo daraus, könnte die Situation der Bauern
nachhaltig verbessern, wenn sie sich angewöhnten, Dünger rechtzeitig
zu kaufen.
"Solche Experimente helfen dabei, die Mechanismen zu verstehen,
mit denen sich Armut erhält", sagt Johannes Haushofer. Der junge
Wirtschaftswissenschaftler aus Bayern verbringt zurzeit mit einem
Stipendium drei Jahre in Cambridge und arbeitet im Poverty Action Lab.
Er verfolgt die Idee, dass Armut Stress auslöst und dieser Zustand
Kaufentscheidungen derart beeinflusst, dass die Betroffenen in der Armut
stecken bleiben. "Das klingt wie eine banale Hypothese, ist aber nicht
leicht nachzuweisen", sagt Haushofer.
Er versucht es mit einer dreiteiligen, über mehrere Länder
verteilten Studie. Zunächst hat er bei kenianischen Versuchspersonen den
Spiegel von Stresshormonen im Speichel gemessen: Wenn im Jahr zuvor der
Regen ausgeblieben war, lag der Spiegel tatsächlich höher. Welche
Folgen eine solche hormonelle Verschiebung haben kann, testete
Haushofers Team dann in den Niederlanden an lokalen Studenten. Die
Versuche sind abgeschlossen, aber noch nicht veröffentlicht - offenbar
bestätigen die Ergebnisse jedoch die These des bayerischen Forschers.
Versuche in Zürich zeigten zudem, welche ökonomischen
Entscheidungen Probanden treffen, wenn diese bei
Computerspielsimulationen gerade arm geworden waren. Die Forscher hatten
sie eine dreiviertel Stunde lang eine langweilige Arbeit machen lassen,
einigen der Testpersonen dann aber den Großteil des auf einem
virtuellen Konto deponierten Lohns weggenommen. Die plötzliche virtuelle
Armut wirkte sich auf die Psyche und die ökonomischen Entscheidungen
der Probanden aus. "Sie waren ungeduldiger", sagt Haushofer, "sie
wählten häufiger einen schnellen Gewinn als einen größeren in drei
Monaten." Vorsorgeinvestitionen erscheinen Armen daher offenbar wie
ungedeckte Schecks auf die Zukunft.
Demnächst möchte Haushofer das Computerexperiment in einem neuen
Labor in Nairobi mit den Bewohnern von Slums wiederholen, sagt er. Über
die Rahmenbedingungen macht er sich bereits Gedanken. Die Teilnehmer
werden für die Teilnahme bezahlt, angemessen, aber nicht zu üppig, damit
sich niemand auf etwas einlässt, was ihr oder ihm unangenehm wäre.
Schon jetzt werfen seine Ergebnisse ein neues Licht auf die
Frage, warum die Bauern in Kenia Probleme mit dem Kauf von Dünger haben.
Der Vergleich mit Probanden aus reichen Ländern belegt zudem, was
Esther Duflo in ihrem Buch erklärt: "Das Verblüffende ist, dass
Menschen, die arm sind, uns in fast allem gleichen. Wir haben dieselben
Wünsche und Schwächen", heißt es im Vorwort. "Wir müssen uns die Zeit
nehmen, ihr Leben in seiner Vielfalt und Komplexität kennenzulernen."
Montag, 29. April 2013
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