Montag, 29. April 2013

Microkredite- sueddeutsche.de

Als die Studie als eine der ersten systematischen Untersuchungen über Mikrokredite 2010 erschien, löste sie große Enttäuschung aus. Doch Esther Duflo rückte das Ergebnis zurecht: Immerhin habe eine kleine Gruppe von Frauen ihren Umgang mit Geld den neuen Prioritäten angepasst. "Das Hauptziel scheint doch erreicht. Es war kein Wunder, aber es funktionierte", schrieb sie. Nur hatten sich die Verfechter der Mikrokredite eben mehr erwartet, den Rundumschlag gegen Folgen der Armut.
Welche Probleme Arme mit der Vorsorge für die Zukunft haben, zeigt sich auch an einem Projekt, das Duflo in Kenia gemacht hat. Sie und ihre Kollegen fragten sich, warum dort nur ein knappes Viertel der Bauern Dünger kaufte und einsetzte, obwohl dieser die Ernteerträge steigert und weit mehr einbringt, als er kostet. Eine randomisierte Studie zeigte dann, dass die Farmer ihn sich nicht mehr leisten konnten, wenn die Aussaat bereits erfolgt war. Dann hatten sie den Ertrag der vorigen Ernte weitgehend ausgegeben. Nur mit einer 50-prozentigen Subvention ließ sich der Anteil der düngenden Bauern jetzt noch signifikant steigern. Einen größeren Effekt brachte aber das Angebot, direkt nach der Ernte einen Gutschein für Dünger zu kaufen, der später eingelöst werden sollte - obwohl die Bauern in diesem Fall den vollen Preis bezahlen mussten. Schon ein kleiner Anschub zum richtigen Zeitpunkt, schloss Duflo daraus, könnte die Situation der Bauern nachhaltig verbessern, wenn sie sich angewöhnten, Dünger rechtzeitig zu kaufen.
"Solche Experimente helfen dabei, die Mechanismen zu verstehen, mit denen sich Armut erhält", sagt Johannes Haushofer. Der junge Wirtschaftswissenschaftler aus Bayern verbringt zurzeit mit einem Stipendium drei Jahre in Cambridge und arbeitet im Poverty Action Lab. Er verfolgt die Idee, dass Armut Stress auslöst und dieser Zustand Kaufentscheidungen derart beeinflusst, dass die Betroffenen in der Armut stecken bleiben. "Das klingt wie eine banale Hypothese, ist aber nicht leicht nachzuweisen", sagt Haushofer.
Er versucht es mit einer dreiteiligen, über mehrere Länder verteilten Studie. Zunächst hat er bei kenianischen Versuchspersonen den Spiegel von Stresshormonen im Speichel gemessen: Wenn im Jahr zuvor der Regen ausgeblieben war, lag der Spiegel tatsächlich höher. Welche Folgen eine solche hormonelle Verschiebung haben kann, testete Haushofers Team dann in den Niederlanden an lokalen Studenten. Die Versuche sind abgeschlossen, aber noch nicht veröffentlicht - offenbar bestätigen die Ergebnisse jedoch die These des bayerischen Forschers.
Versuche in Zürich zeigten zudem, welche ökonomischen Entscheidungen Probanden treffen, wenn diese bei Computerspielsimulationen gerade arm geworden waren. Die Forscher hatten sie eine dreiviertel Stunde lang eine langweilige Arbeit machen lassen, einigen der Testpersonen dann aber den Großteil des auf einem virtuellen Konto deponierten Lohns weggenommen. Die plötzliche virtuelle Armut wirkte sich auf die Psyche und die ökonomischen Entscheidungen der Probanden aus. "Sie waren ungeduldiger", sagt Haushofer, "sie wählten häufiger einen schnellen Gewinn als einen größeren in drei Monaten." Vorsorgeinvestitionen erscheinen Armen daher offenbar wie ungedeckte Schecks auf die Zukunft.
Demnächst möchte Haushofer das Computerexperiment in einem neuen Labor in Nairobi mit den Bewohnern von Slums wiederholen, sagt er. Über die Rahmenbedingungen macht er sich bereits Gedanken. Die Teilnehmer werden für die Teilnahme bezahlt, angemessen, aber nicht zu üppig, damit sich niemand auf etwas einlässt, was ihr oder ihm unangenehm wäre.
Schon jetzt werfen seine Ergebnisse ein neues Licht auf die Frage, warum die Bauern in Kenia Probleme mit dem Kauf von Dünger haben. Der Vergleich mit Probanden aus reichen Ländern belegt zudem, was Esther Duflo in ihrem Buch erklärt: "Das Verblüffende ist, dass Menschen, die arm sind, uns in fast allem gleichen. Wir haben dieselben Wünsche und Schwächen", heißt es im Vorwort. "Wir müssen uns die Zeit nehmen, ihr Leben in seiner Vielfalt und Komplexität kennenzulernen."

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