Freitag, 20. September 2013

Ohne die permanente Intervention des Staates wurde es keinen funktionierenden Kapitalismus geben


Kein Wirtschaftszweig ist vom Staat so abhängig wie die Finanzbranche, und insofern war es geniales Marketing, dass es ihr gelungen ist, sich als besonders staatsfern darzustellen. Die Deregulierung seit den frühen 1980ern basierte auf dem Trick, die staatlichen Regeln als Zwangsjacke zu diffamieren, die die freie Entfaltung des "Finanzmarktes" und der Wirtschaft abwürgen würde. In ihrer ersten großen Rede nach dem "Big Bang" kondensierte die britische Premierministerin Margaret Thatcher diese neoliberale Weltsicht zu einem einzigen Satz:
Verschwunden sind die Kontrollen, die den Erfolg behindert haben.
Wie das Wort "Erfolg" schon sagt: Misserfolge waren gar nicht erst vorgesehen, was erstaunlich realitätsblind war. Der Kapitalismus ist ein extrem volatiles System, das zu periodischen Krisen neigt. Oft sind es nur normale Konjunkturdellen, aber nicht selten kommt es auch zu schweren Depressionen, die durch das Herdenverhalten der Finanzinvestoren ausgelöst werden. Sobald aber das Wachstum stockt, ist wieder der Staat gefragt. Dann nehmen auch neoliberale Unternehmer sehr gern Regierungshilfe in Anspruch. Jüngstes Beispiel war die "Abwrackprämie", die 2009 die Automobilindustrie durch die Finanzkrise lotsen sollte und die den deutschen Steuerzahler fünf Milliarden Euro gekostet hat.
Neben solchen direkten Subventionen profitieren die Firmen aber auch indirekt: Obwohl Marktwirtschaftler gern die angeblich zu hohe Staatsquote beklagen, sind es genau diese öffentlichen Ausgaben, die die Wirtschaft in Krisenzeiten stabilisieren. Denn die Renten laufen weiter, Arbeitslose werden unterstützt, und auch die Krankenkassen schränken ihre Leistungen nicht ein. Diese "automatischen Stabilisatoren" garantieren einen Basissockel an Einkommen, was wiederum für Konsum, Umsatz und Arbeitsplätze sorgt, während die Firmen ihre Investitionen und Kapazitäten nach unten fahren.
Würde die deutsche Wirtschaft nur aus privaten Unternehmen bestehen – sie würde in jeder Krise weitgehend kollabieren. Das 19. Jahrhundert ist dafür ein abschreckendes Beispiel, als es noch keine Sozialversicherungen gab und der Staat nicht intervenierte: Nach dem Gründerkrach 1873 wurden in der deutschen Eisenindustrie 40 Prozent aller Arbeiter entlassen. Dies wäre heute undenkbar.
Der Staat ist im Kapitalismus allgegenwärtig, weil es ohne seine permanente Intervention gar keinen funktionierenden Kapitalismus geben würde. Dieser Zusammenhang ist so offensichtlich, dass sich die Frage stellt, warum Marktliberale dies hartnäckig ignorieren.
Eine Antwort dürfte sein: Es ist keine angenehme Vorstellung, zum Staat verdammt zu sein. Es ist anstrengend, dass man sich ständig mit Millionen von Mitbürgern arrangieren muss und es keine ökonomische Insel gibt, auf die man flüchten kann. Die Idee des Marktes hingegen ist unendlich tröstlich: Dort zählt nur das Individuum, das ganz auf seine eigene Leistung bauen kann und sich nicht ständig um das große Ganze kümmern muss. Dort ist jeder seines Glückes Schmied und übernimmt Verantwortung nur für sich selbst und seine Familie. Dieses Märchen ist einfach zu schön, um es aufzugeben.
Zudem schmeichelt es dem Selbstwertgefühl der Privilegierten ungemein, wenn sie sich zu Leistungsträgern adeln dürfen, anstatt sich nach den sozialen Bedingungen ihres Reichtums fragen zu müssen.
Wer heute Videos mit Margaret Thatcher sieht, staunt ein wenig, wie steif sie war. Ihre Reden wirken, als wären sie auswendig gelernt. Trotzdem entfalteten sie einen Sog, weil die britische Premierministerin das Märchen vom freien Markt und vom freien Individuum perfekt erzählen konnte. Den Ausverkauf der öffentlichen Wasserversorgung, Bahnen und Elektrizitätswerke rechtfertigte sie zum Beispiel 1986 mit diesen Worten:
Wir Politiker haben alle Träume. Zu meinem gehört, dass ich Macht und Verantwortung an das Volk zurückgeben will, um den Menschen und ihren Familien wieder das Gefühl der Unabhängigkeit zu vermitteln. Die große Reform des vergangenen Jahrhunderts war es, mehr und mehr Bürger zu Wählern zu machen. Die große Reform unserer Zeit ist es, mehr und mehr Bürger zu Eigentümern zu machen. Volkskapitalismus ist ein Glaubensfeldzug: ein Kreuzzug, der die vielen befreit und befähigt, am wirtschaftlichen Leben Großbritanniens teilzunehmen. … Menschen brauchen Anreize; sie brauchen Verantwortung; sie brauchen die Freiheit und die Würde, die daher rührt, dass sie etwas ihr Eigen nennen können … Die Stärke unserer Politik ist, dass sie auf dem gesunden Instinkt unseres Volkes beruht – einem Instinkt für Eigentum, Sparsamkeit, ehrliche Arbeit und faire Belohnung.
Jeder würde gern in dieser Welt des ehrlichen Eigentums leben, aber leider ist es eben nur eine schöne Mär. In der Realität strichen wenige Finanzinvestoren Monopolgewinne ein, während die britischen Eisenbahnen und Wasserwerke verfielen.
Doch der Staat wird nicht nur in Frage gestellt, weil er angeblich zu viel Macht ausübt und die Freiheit seiner Bürger beschneidet. Auch das genaue Gegenteil wird ihm vorgehalten. Der Nationalstaat wird als machtlos wahrgenommen – als ein historisches Relikt, das in den Zeiten der Globalisierung anachronistisch wirkt. Der Staat erscheint vielen seiner Bürger unendlich piefig und altmodisch, da er auf seiner Scholle hockt, während die Waren und vor allem das Finanzkapital frei um die Welt strömen. Das Wort "Globalisierung" kam in den 1990er Jahren auf, und schon deswegen denken viele Menschen, dass das Phänomen genauso jung sein müsse wie das Wort. Dies ist ein Irrtum. Die Globalisierung ist alt, vielleicht sogar uralt, woraus wiederum folgt: Wenn der Staat an Einfluss verliert oder die Löhne sinken, kann es nicht an der Globalisierung liegen.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/09/19/biz-die-maechtigste-bank-der-welt-kuendigt-den-crash-an/#.UjqXy8m